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Krisen bewältigen mit der WIDEG-Frage von Viktor Frankl

Sie fragen sich, was Menschen auszeichnet, die Krisen besser als erwartet bewältigen? Die Resilienzforschung hat sich damit ausgibig beschäftigt. Vom KZ-Überlebenden Arzt und Psychologen Viktor Frankl können wir lernen, was Resilienz wirklich bedeutet.

Aktualisiert am 25/09/2022 von Bettina Kapfer

Inhaltsverzeichnis

Krisen als Wendepunkte

Im Duden wird eine Krise als eine schwierige Lage, Situation oder Zeit, die den Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt. Das ist eine sehr breite Definition, und viele Menschen würden wohl zustimmen, dass sie irgendwann einmal eine Krise in ihrem Leben überstehen mussten. Krankheiten, Jobverlust, Todesfälle, Ende von Beziehungen sind nur einige mögliche Wendepunkte, und ich bin mir sicher, Ihnen fallen auch noch viele andere Beispiele ein.  

 

Die aktuelle Covid-Pandemie hat einigen von uns mehr abverlangt, und wurde (oder wird) auch von vielen als Krise empfunden – aber nicht von allen, und auch nicht von allen im selben Ausmaß. Und genau das ist für Psycholog*innen der spannende Punkt, nämlich die Frage, warum manche Menschen Krisen besser bewältigen, als andere.  

Individuelle Ressourcen machen den Unterschied

Eine Erklärung geben die jeweils individuellen Lebensumstände. Dabei ist entscheidend, wie die vorhandenen Ressourcen zur Bewältigung der Krise eingeschätzt werden. Dazu gehören beispielsweise das soziale Netzwerk, wirtschaftliche Situation, oder auch Bildung. All die unterschiedlichen Ressourcen füllen unsere private Schatzkiste, quasi als „Bewältigungskapital“, das wir einsetzen können, um eine Krise zu überstehen. Zu einer Stressreaktion kommt es immer dann, wenn man in einer gegebenen Situation das Gefühl hat, dass das Bewältigungskapital nicht ausreicht. Und dabei genügt ein subjektives Gefühl. Das kann dann auch erklären, warum zwei Menschen, die augenscheinlich in derselben Situation stecken, diese dann doch unterschiedlich erleben und bessere oder schlechtere Reaktionen zeigen.  

Resilienz - psychische Widerstandsfähigkeit

Psycholog*innen bezeichnen jene Menschen, die Krisen besser als erwartet bewältigen, als „resilient“. Eine andere Bezeichnung für Resilienz ist auch die psychische Widerstandsfähigkeit. Mehr dazu finden Sie im Grundlagenartikel zur Resilienz. Darin habe ich eine Resilienz-Theorie vorgestellt (nachzulesen in Rönnau-Böse und Fröhlich-Gildhoff: „Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne), derzufolge resiliente Menschen sich in folgenden 6 Punkten von weniger resilienten Personen unterscheiden:

Verschiedene Resilienz-Theorien

Zugegeben, es ist dies nur eine von vielen Theorien zum Thema Resilienz. Viele Forscher haben sich mit der Frage beschäftigt, was nun tatsächlich den Unterschied zwischen mehr oder weniger resilienten Menschen ausmacht. Es gibt leider nicht DIE EINE von allen akzeptierte Theorie. Und so habe ich in einem ersten Schritt eine der gängigsten Theorien vorgestellt.

Ich finde ja, die beste Theorie ist nur so gut, wie sie sich in der Anwendung als nützlich erweist. Und vielleicht geht es Ihnen ja auch so wie mir, dass die genannten Resilienzfaktoren nicht unbedingt selbsterklärend sind. Und vielleicht stellen Sie sich auch die die Frage, wie Sie einzelne Bereiche stärken können, um resilienter zu werden.

Und ich möchte Ihnen anhand der Lebensgeschichte von einem unglaublich beeindruckenden Mann das beste Beispiel für Resilienz erzählen, das ich kenne: Viktor Frankl

Viktor Frankl - ein unglaubliches Beispiel für Resilienz

Viktor Frankl hätte 1939 gemeinsam mit seiner Ehefrau mit einem Visum in die USA flüchten können. Er entscheidet sich jedoch dagegen, weil er seine Eltern in Wien hätte zurücklassen müssen. Er war davon überzeugt, dass er seine Familie in Wien aufgrund seiner Position als Leiter der Neurologischen Station am Rothschild-Spital schützen könne. Die brutale Realität war leider, dass die gesamte Familie – mit Ausnahme seiner Schwester – im Jahr 1942 in Konzentrationslager deportiert wird. Im April 1945 wird er von US-Truppen aus dem KZ befreit, er hat als einziges Familienmitglied das KZ überlebt. Den Rest seines Lebens verbringt Viktor Frankl damit, die von ihm begründete Logotherapie in die Welt zu tragen.

Wie auf der Website des Viktor Frankl Instituts zu lesen ist, versteht man unter Logotherapie eine international anerkannte, empirisch untermauerte sinnzentrierte Psychotherapierichtung, abgeleitet von drei philosophischen und psychologischen Grundgedanken:

  • Freiheit des Willens
  • Wille zum Sinn
  • Sinn im Leben

Die letzte menschliche Freiheit - die Einstellung

Davon möchte ich heute einen Aspekt herausgreifen, der mich beim Lesen seines Buches „…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ besonders berührt hat. Viktor Frankl beschreibt in dem Buch, das in wenigen Tagen nach seiner Befreiung aus dem KZ verfasst hat, was er unter der Freiheit des Willens versteht (S. 102 ff):

„[…] dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegeben Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „So oder So! Und jeder Tag und jede Stunde im Lager gab tausendfältige Gelegenheit, diese innere Entscheidung zu vollziehen, die Entscheidung des Menschen für oder gegen den Verfall an jene Mächte der Umwelt darstellt, die dem Menschen sein Eigentliches zu rauben drohen – seine innere Freiheit […]“

Während das Buch noch viele andere wertvolle Gedanken von Viktor Frankl festhält, und ich Ihnen eine Lektüre sehr ans Herz lege, möchte ich mich hier auf den Gedanken der Freiheit der Einstellung zu den Dingen fokussieren (die bei Viktor Frankl sehr eng mit der Frage nach dem Sinn im Leben verknüpft ist).

Die Einstellung macht den Unterschied!

Die Rolle der Einstellung zu den Dingen in unserem Leben ist, ist nämlich auch im Zusammenhang mit Stress und der Bewältigung von schwierigen Situationen entscheidend.

Ich habe schon im Blogartikel zu Stress festgehalten, dass das was wir als „Stress“ erleben, die Folge der Ausschüttung von Stresshormonen in unserem Körper ist. Und diese Hormone werden dann ausgeschüttet, wenn eine Bewertung ergibt, dass in einer bestimmten Situation unsere Ressourcen vielleicht nicht ausreichen könnten, um die Gefährdung abzuwehren.

Ein "leichtes" Beispiel: Marathon laufen

Stellen Sie sich vor – und das ist jetzt absichtlich ein Beispiel abseits von NS-Verbrechen und lebensbedrohlichen Krisen – dass Sie dazu verpflichtet werden, nächsten Monat einen Marathon zu laufen. 42,195 Kilometer am Stück. Ihr vermute sehr stark, dass Ihre Reaktion auf diese Ankündigung stark davon abhängen wird, ob Sie

a) ein Profiläufer sind, der ständig im Training ist ,

b) eine Hobbysportlerin sind, und Sie aus Lust am Laufen auch im Training mal längere Distanzen absolvieren oder

c) Sie ein unsportlicher Raucher sind, der zum letzten Mal vor Jahrzehnten gesportelt hat.

Jetzt könnte man zu Recht einwenden, dass das ja nichts mit Einstellung zu tun hat, sondern dass in diesem Beispiel ganz viel von der Vorerfahrung und vom Trainingsgrad der Personen abhängt. Richtig. Darum wollen wir auch nicht die drei hypothetischen Personen vergleichen, sondern überlegen, welche möglichen Einstellungen zur bestmöglichen Bewältigung dieser Situation führen würde. Zum Beispiel im Fall des unsportlichen Rauchers. Sie werden mir wohl zustimmen, dass es in meinem Beispiel wohl für letzteren den größten Stress bedeuten wird, wenn ihm verkündet wird, dass er nächsten Monat einen Marathon zu bewältigen hat – er ist von allen Beteiligten am wenigsten sportlich und man könnte vermuten, dass er schon alleine deswegen Probleme haben wird, die rund 42 km durchzuhalten.   

Die WIDEG-Formel von Viktor Frankl

Aber eigentlich wissen wir nicht, was in Beispiel c) im Kopf des Rauchers vor sich geht, wie seine Einstellung zu dieser Ankündigung ist. Natürlich könnte es sein, dass er sich denkt, dass dies eine unmögliche Aufgabe ist, die er unmöglich schaffen kann. In diesem Fall wird er um jeden Preis eine Ausrede finden, um nur nicht mitlaufen zu müssen. Es könnte aber auch sein, dass er sich – ganz im Sinne von Viktor Frankl – denkt: „Wofür ist das eine Gelegenheit?“, „WIDEG“.

Ist es eine Gelegenheit dafür, das gesundheitsschädliche Rauchen sein zu lassen, und endlich aufzuhören?

Oder ist es eine Gelegenheit dafür, mit anderen LäuferInnen eine Laufgruppe zu gründen, und gemeinsam Sport zu machen?

Oder ist es eine Gelegenheit dafür, zu schauen, welche Distanz auch eine unsportliche Person bei einem solchen Mega-Vorhaben schafft?

In letzterem Fall wird er sich nicht auf die Suche nach Gründen machen, warum das Ganze nicht machbar  ist, sondern wird Wege zur Bewältigung finden. Und das Beste aus der zugegeben sportlich herausfordernden Situation  machen.

Wenn man möchte, kann man noch viele andere Beispiele finden, in denen die Einstellung zu einer Herausforderung oder einer Krise einen großen Unterschied macht (auch wenn im Vergleich zu dem, was Viktor Frankl und so viele andere erleiden mussten, alle Beispiele irgendwie ein bisschen belanglos wirken; aber er selbst hat seine Erkenntnisse und seine Philosophie auf das ganz normale Leben übertragen, und darum traue ich mich das auch).

Wenn es nicht sofort gelingt - bleiben Sie dran!

Die Aussage, dass es letztlich auf die Einstellung zu den Dingen ankommt, ist für mich absolut nachvollziehbar und logisch. Und trotzdem finde ich es oft schwierig, immer zu allem positiv und optimistisch eingestellt zu sein. Die Frage „Wofür könnte das eine Gelegenheit sein“ verschwindet manchmal hinter einer Schimpftirade und einer ordentlichen Portion Selbstmitleid. Also, ich könnte verstehen, wenn Ihr erster Impuls wäre, dass das leichter gesagt, als getan ist. Aber mir hilft der Gedanke an die Geschichte von Viktor Frankl.  Und daran, wie er diese Haltung nicht nur gepredigt, sondern in der schlimmsten vorstellenbaren Situation im KZ angewendet hat:

„Wofür ist das eine Gelegenheit? Was gilt es gerade jetzt zu lernen, welche Stärken und neuen Wege zu entwickeln?“

 

Im Blogartikel zu 13 Methoden, wie Sie mit Misserfolgen und Rückschlägen konstruktiv umgehen können, finden Sie zusätzlich zur WIDEG-Formel, die dort natürlich auch nicht fehlen darf, noch 12 weitere Impulse zu diesem Thema. 

Was ich noch sagen möchte:

Abschließend ist mir wichtig festzuhalten, dass es neben Viktor Frankl (glücklicherweise) noch viele andere Überlebende der NS-Gräueltaten gibt, und es auch darunter bestimmt viele gibt, deren Lebensweg ein Beispiel für Resilienz sein könnte. Viktor Frankl habe ich deshalb gewählt, weil er für mich durch die Begründung der Logotherapie und seinen unzähligen Publikationen Sinn im Leben so vieler Menschen gestiftet hat und durch sein Werk immer noch tut. Vor diesem Hintergrund möchte ich ihm einen besonderen Platz einräumen, ohne jedoch zu vergessen, dass es auch unzählige andere bewundernswerte, resiliente Überlebende gibt bzw. gegeben hat.  

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Mag. iur. Bettina Kapfer, MSc.

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