Zum Inhalt springen

Kluge Entscheidungen treffen lernen

Kennen Sie das Gefühl, dass Sie bei einer Entscheidung nahezu gelähmt sind, weil es um „alles oder nichts“ geht? Weil Sie befürchten, dass Sie es für den Rest Ihres Lebens bereuen würden, wenn Sie die falsche Entscheidung treffen würden? Aber gibt es das eigentlich, richtige und falsche Entscheidungen? Lernen Sie, wie Sie künftig kluge Entscheidungen treffen, die Sie nicht bereuen.

Aktualisiert am 25/09/2022 von Bettina Kapfer

Was ist eine kluge Entscheidung?

Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach. Und die schlechte Nachricht ist, dass wir erst in der Zukunft rückblickend erkennen können, ob wir uns richtig entschieden haben. Und das macht Entscheidungen manchmal richtig schwierig. Eh klar, schließlich kann ja niemand in die Zukunft sehen, und daher alle möglichen künftigen Steine im Weg mitbedenken. Wie sehr uns unvorhersehbares aus der Bahn werden kann, hat uns 2020 eindrucksvoll gezeigt. Die beste Entscheidung hätte das nicht berücksichtigen können, oder?

Es ist immer Risiko dabei

Also ist bei jeder Entscheidung auch ein gewisses Risiko mit an Bord. Zu dem Zeitpunkt, in dem wir uns für oder gegen einen neuen Job entscheiden, wissen wir nicht mit Gewissheit, ob alle unsere Erwartungen an die Arbeitsbedingungen, Kollegen und Kolleginnen, Vorgesetzte und schließlich auch die Arbeitsinhalte sich erfüllen werden. Ist der berufliche Wechsel auch noch mit einem Umzug verbunden, dann sind noch viel mehr Unbekannte dabei. Das kann schon mal richtig Angst machen.

Angst ist selten ein guter Ratgeber

Im vorherigen Blogartikel darüber, dass Entscheidungen manchmal richtig schwer sein können, habe ich berichtet, dass zwei Systeme daran beteiligt sind, Entscheidungen zu treffen.

Sytem 1, der rational denkende Verstand, der zwar lange braucht aber sich dafür dann sprachlich äußern kann („Der neue Job bringt mehr Gehalt und Ansehen und ist eine tolle Karrierechance“).

Und dann gibt es noch System 2, das unbewusste Erfahrungsgedächtnis, das sehr schnell – in 200 bis 300 Millisekunden – ein Körpergefühl als Bewertung des Sachverhalts schickt. Sprache kennt dieses System 2 nicht, was bedeutet, dass wir die Signale unserer Körpers interpretieren müssen, um zu verstehen, was System 2 will.

Aber was, wenn wir noch gar keine Erfahrungen gemacht haben?

Und jetzt haben wir auch schon das erste Problem. Es handelt sich um einen neuen Job, und damit hatte unser Erfahrungsgedächtnis eben noch keine Möglichkeit, sich eine Meinung dazu zu bilden. Vielleicht kennen wir die neue Stadt schon, der letzte Urlaub in Hamburg war super, und darum gibt es da schon positive Körpersignale. Oder es handelt es sich um London, und das Erfahrungsgedächtnis hat eine ganz schlechte Bewertung dazu abgespeichert. In diesen Fällen wird es ganz oft so sein, dass wir vom Erfahrungsgedächtnis eindeutige Signale bekommen und wir spüren: „Ja, das passt, da ziehen wir hin“ – oder aber „Nein, da will ich sicher nicht leben“.

Der neue Job ist eben das – etwas Neues, was wir noch nicht kennen. Also wird vom Erfahrungsgedächtnis kein eindeutiges Signal kommen. Vielleicht spüren wir, dass es versucht, aus dem ganzen schlau zu werden, hören ein leises „Hmmmmm?!?“. Also wir bekommen vorerst mal keine eindeutige Antwort von unserem Unbewussten System 2, sondern es steht noch auf der Bremse.

Kann nicht einfach der Verstand übernehmen?

Wäre es nicht super, wenn unser unbewusstes System ohnehin nicht weiß, was es will, dass einfach der Verstand mit seiner tollen rationalen Abwägung die Entscheidung übernimmt?

Tja, wenn es doch nur so einfach wäre.

Der Verstand alleine ist nicht gut genug, und die perfekte Entscheidung gibt es nicht

Zu Beginn dieses Artikels habe ich davon geschrieben, dass wir Menschen danach streben, die perfekte Entscheidung zu treffen. Aber das das eigentlich unmöglich ist, weil wir die Zukunft nicht kennen. Jede Entscheidung hat daher dieses Zufallselement, ein gewisses Risiko in sich. Das einzige, das wir tun können ist, dass wir Entscheidungen auf die beste Art und Weise treffen. Und das bedeutet, dass wir beim entscheiden beide Systeme berücksichtigen, damit wir uns nachher nicht vorwerfen müssen: „Hätte ich doch auf meinen Verstand gehört, ich habe doch gewusst, dass das nicht der richtige Weg ist“ beziehungsweise „Hätte ich doch auf mein Gefühl gehört, ich habe doch deutlich gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt“.

Entscheidungen treffen, die man nicht bereut

Kluge Entscheidungen sind solche, bei denen man hinterher eben nicht bereut, dass man sich für A oder B entschieden hat. Für oder gegen den Job. Weil man bei der Entscheidungsfindung alles berücksichtigt hat, was man selbst in die Waageschale geworfen hat. Den Verstand und auch den kompletten Erfahrungsschatz von System 2.

Damit wird aber auch klar, dass nicht einfach der Verstand übernehmen und entscheiden kann, nur weil wir nicht genau wissen, was unser Unbewusstes jetzt eigentlich will. Aber wie soll man mit komischen Körpersignalen umgehen, die man nicht so richtig deuten und ausdrücken kann?

Das Gefühl, bei einer Entscheidung nicht vor oder zurück zu können, sondern festzustecken – das kann einen schon ziemlich zur Verzweiflung bringen.

Also hilft es nichts, wir müssen einen Weg finden, um die komischen Signale unseres unbewussten Erfahrungsgedächtnisses irgendwie in Sprache zu übersetzen. Denn nur dann können unsere beiden Systeme miteinander auch kommunizieren, und sich „die Sache ausmachen“.

Maja Storch und das Würmli

Ich habe es schon im letzten Blogartikel kurz angesprochen: Das hervorragende Buch von Maja Storch zum Thema Entscheidungen: „Machen Sie doch, was Sie wollen! Wie ein Strudelwurm den Weg zu Zufriedenheit und Freiheit zeigt“. Das Buch kann ich allen nur empfehlen, die sich noch mehr im Detail anschauen wollen, wie es gelingt, Entscheidungen so zu treffen, dass sie zu Zufriedenheit und Glück im und mit dem eigenen Leben führen. Der Strudelwurm, im herrlichen Schweitzerdeutsch liebevoll “Würmli genannt”, ist dabei das Tierchen, das für System 2, unser unbewusstes Erfahrungsgedächtnis steht.

Der Ideenkorb von Maja Storch

„Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreise“ – das ist ein Spruch, der mir spontan eingefallen ist, als ich zum ersten Mal von der kreativen Lösung von Maja Storch gelesen habe, um dem Würmli auf die Sprünge zu helfen.

Denn das eigentliche Problem ist ja, dass das liebe Würmli irgendwelche Signale schickt, und man selbst verzweifelt, weil man nur merkt, dass man feststeckt und bei der Entscheidung nicht weiterkommt, „weil irgendetwas nicht passt“. Das tolle am Vorschlag des Ideenkorbs von Maja Storch ist, dass sie dieses „Nichtwissen“ akzeptiert und einfach mal so stehen lässt. Denn letztlich hat das Würmli ja nur die Aufgabe – und Fähigkeit, bekannte Sachverhalte zu werten. Mag ich, bitte mehr. Das hat mir nicht gefallen, das machen wir bitte nicht mehr. Und wenn es sich um etwas Neues handelt, dann gibt es da eben nichts Konkretes vom Würmli dazu zu sagen. Dann kommt nur ein „hmpf“.

Man sammle ganz viele verschiedene Ideen

Zur Frage, wie man vorgehen soll, wenn unser Unbewusstes System 2 keine klaren Antworten gibt, schlägt Maja Storch vor, dass das Würmli noch mehr Substrat für seine Entscheidung braucht. Sie schlägt vor, dass man sich auf die Suche nach Vorschlägen und neuen Gedanken macht, die man dem Würmli vorhalten kann. Aber das macht man nicht, indem man selbst möglichst viel darüber nachdenkt, sondern man lagert die Ideenfindung auf fremde Menschen aus.

Indem man sich traut, fremden Menschen im Bus, auf der Straße oder beim Bäcker vom neuen Job zu erzählen, und davon, dass man sich nicht entscheiden kann. Und einfach fragt, ob sie Ideen hätten, woran das liegen könnte.

Und die Ideen von anderen

Empfohlen wird, dass es sich um unbekannte Personen handeln sollte, damit diese wirklich unbeeinflusst Vorschläge machen können. Es könnten dann Antworten in den Ideenkorb geschmissen werden, wie zB dass man nicht wechseln möchte, weil im alten Job die Kolleg*innen toll sind; dass man vielleicht unsicher ist, ob die neue Chefin verträglich sein wird; dass man mit einem Umzug nicht mehr zum geliebten Barrista ums Eck wird gehen können – was auch immer. Je vielfältiger, bunter, durchmischter die Personen, die man befragt, desto mehr unterschiedliche Möglichkeiten kann man für den Ideenkorb sammeln.

Damit das unbewusste Erfahrungssystem etwas zu bewerten hat

Und mit dem Ideenkorb hat dann das Würmli doch etwas, was es bewerten kann – es wird sich beim Gedanken an die neue Chefin vielleicht nicht melden, aber ganz deutlich negativ bewerten, dass man sich ein neues Kaffee wird suchen müssen. Und so prüft man Idee für Idee darauf, ob System 2, das Würmli, sich dazu positiv oder negativ äußert.

Sobald Sie es geschafft haben, dem Würmli eine Bewertung zu entlocken, können auch die Verhandlungen beginnen. Nehmen wir an, es geht dem Würmli tatsächlich um das Lieblings-Kaffe in der alten Stadt, und dass Sie dann dort nicht mehr täglich den besten Kaffee der Stadt holen können. (Ja, ich habe ein banales Beispiel gewählt, weil dramatischer geht ja im wirklichen Leben eh immer…). Vermutlich wird der Verstand, sobald er davon hört antworten, dass Hamburg so eine junge und hippe Stadt ist, dass es dort ganz bestimmt auch wieder einen Lieblingskaffeeladen geben wird.

Manchmal lässt sich das Würmli sehr bitten

Aber soweit war das Würmli auch schon, immerhin war es ja auch in Hamburg und hat dort den guten Kaffee mit „mag ich, gerne mehr davon“ bewertet. Und entweder Sie können dem Würmli durch ein Kompromissangebot die Bedenken nehmen (zum Beispiel Sie suchen schon vorab mit der Hilfe von Dr. Google das bestbewertete Kaffee in der Nähe der neuen Arbeitsstätte), oder Sie starten in eine neue Runde mit dem Ideenkorb. Vielleicht kann Ihnen im Bus jemand weiterhelfen mit der Frage, warum Sie so sehr an genau jenem Kaffeelokal hängen.

Gut Ding braucht Weile

Gute Entscheidungen dürfen ruhig Zeit brauchen. Nehmen Sie sich darum die Zeit, um in sich hineinzuhören, und zu schauen, ob beide Systeme mit an Bord sind, oder ob es vielleicht noch eine Abstimmungsschleife braucht, bis sie sich einig sind. Wenn der Verstand entschieden hat, dass er nächstes Jahr einen Marathon laufen möchte, und das Würmli mit einem entschiedenen Nein antwortet, weil das einfach viel zu anstrengend und mühsam ist, dann wird es etwas dauern und einige Verhandlungsrunden brauchen, bis sie einen Kompromiss gefunden haben.

(Die Alternative wäre das, was Maja Storch „gewürgtes Würmli“ nennt – mit einem Kraftakt übernimmt der Verstand die Entscheidung und würgt dabei das Würmli, das dann keine andere Wahl hat als mitzumachen. Maja Storch empfiehlt, dass man für ein zufriedenes, glückliches Leben sein Würmli aber maximal zu einem Dritter würgen sollte – also Vorsicht mit allzuviel Willenskraft).  

Eine ordentliche Portion an Überwindung

Ich finde den Ideenkorb spitze, muss aber auch zugeben, dass es mich einiges an Überwindung kosten würde, völlig fremden Menschen mein Problem zu erzählen, und um Ideen für den Korb zu bitten. Aber andererseits ist es auch nur logisch, wenn man selbst nicht weiter weiß, andere Menschen zu befragen. Und es leuchtet mir auch ein, dass die Menschen in meinem Umkreis von mir, und dem was ich zum Problem vorab schon berichtet habe, beeinflusst sein werden. Also mein System 1 sagt, dass es absolut richtig erscheint, den Ideenkorb von anderen befüllen zu lassen. Mein Würmli braucht aber glaube ich noch ein paar Sicherheitsgarantien („Das machen wir bitte nur dort, wo uns sicher niemand kennt“…), bevor es sich darauf einlässt.  

...aber ich möchte es gerne ausprobieren!

Glücklicherweise habe ich auch aktuell „leider“ keine Entscheidungsschwierigkeiten. Aber ich habe mir vorgenommen, beim nächsten möglichen Anwendungsfall mir selbst die Übung zum Ideenkorb zu verordnen und das auszuprobieren. So wie wir in der Ausbildung zur zertifizierten Coach bei Christine Hoffmann und Vera Popper auch immer alles ausprobiert haben, bevor wir Methoden unseren Coachees vorschlagen. Schon klar, man kann nicht immer alles an sich ausprobieren, aber die Idee des Ideenkorbs finde ich super, und bin schon gespannt darauf, was dabei herauskommt. Die nächste Entscheidungsschwierigkeit kommt ja eh bestimmt… 

Workbook "Resilienz stärken" für 0,- EUR

"Resiliente Menschen bewältigen Krisen besser als erwartet"

Resilienz, die “psychische Widerstandsfähigkeit” ist ein Bündel an Kompetenzen, das uns dabei hilft, schwierige Zeiten gut zu bewältigen.

Holen Sie sich hier das Workbook “Resilienz stärken” als PDF mit einer Anleitung und Reflexionsfragen zur Stärkung Ihrer persönlichen Ressourcen, um krisenfest zu werden.

Melden Sie sich zum Newsletter an, und erhalten Sie das Resilienz Workbook für 0,- EUR

Mehr aus dieser Kategorie
Ziele & Motivation

Wichtige und dringende Aufgaben identifizieren mit dem Eisenhower-Prinzip

Die To-do Liste ist geschrieben, und ewig lange. Stellt sich die Frage: Was soll ich zuerst machen? Was kann ich weglassen? Je länger die Liste, desto schwieriger wird es, den Überblick zu behalten. Ein Klassiker des Zeitmanagements, das Eisenhower-Prinzip, hilft dabei, die Liste der To-dos nach den Kriterien Wichtigkeit und Dringlichkeit zu ordnen.

weiterlesen »
Ziele & Motivation

Zum Teufel mit der Motivation – just do it!

Auf Motivation warten kann manchmal bedeuten, auf Godot zu warten. Schuld ist der effiziente Energiesparmodus von unserem Hirn – der zugleich unser Überleben sichert. Da braucht es schon ein paar Kniffe, um unsere schlaue Steuerzentrale auszuricksen.

weiterlesen »
Blog-Kategorien

Willkommen am ZuRecht Psychologie Blog!

Hier finden Sie Beiträge zu den Themen Stressmangement, Entspannungstraining, Stärkung der psychischen Widerstandskraft sowie Motivation & Erreichen Ihrer Ziele.

Mag. iur. Bettina Kapfer, MSc.

Inhaltsverzeichnis

Blog-Kategorien

Resilienz Workbook

Melden Sie sich hier zum monatlichen ZuRechtPsychologie Newsletter an, und erhalten Sie das PDF-Workbook zur Stärkung Ihrer psychischen Wiederstandsfähigkeit für 0,- EUR.